Seit längerem ist befürchtet worden, dass der russische Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze zu einem militärischen Konflikt und neuen Sanktionen gegen Russland führen könnte. Die Anerkennung der separatistischen ostukrainischen Regionen Donetsk und Luhansk seitens Russlands und die Ankündigung der Entsendung russischer Truppen hat das Risiko dafür weiter erhöht.

Welche wirtschaftlichen Konsequenzen wären denkbar, wenn sich die Eskalationsspirale zwischen Russland und dem Westen weiterdrehen würde? Aus europäischer Sicht besteht das Hauptrisiko vor allem darin, dass Sanktionen und russische Gegenmaßnahmen zu Störungen der Energielieferungen aus Russland führen könnten. Denn Russland ist der wichtigste Energielieferant der Europäischen Union. Das Land liefert fast 40% des europäischen Erdgases und etwa ein Viertel des in die EU importierten Erdöls. Besonders abhängig von diesen Energielieferungen sind nicht nur die baltischen Staaten und osteuropäische Länder, sondern auch Deutschland und Österreich. Hinzu kommt, dass Erdgaslieferungen aus anderen Ländern mögliche Lieferausfälle selbst im besten Fall nicht vollständig ausgleichen können.

Der wirtschaftliche Schaden für Europa könnte noch zunehmen, wenn zu den möglichen Energieausfällen auch noch Finanzmarktturbulenzen und eine Beeinträchtigung des Warenaustausches hinzukämen. Höhere Energiepreise würden zudem das verfügbare Einkommen der Haushalte weiter schmälern. Der gleichzeitig zu befürchtende Inflationsanstieg könnte außerdem die Notenbanken zum Handeln zwingen.

An den Finanzmärkten lässt sich in Echtzeit ablesen, wie sehr sich die Finanzmärkte vor den möglichen wirtschaftlichen Konsequenzen fürchten. Groß scheint die Furcht bisher nicht zu sein. Nachdem der europäische Aktienmarkt am Dienstagmorgen noch knapp 2 Prozent verloren hatte, konnte die Börse im weiteren Tagesverlauf ihre Verluste fast vollständig wieder aufholen. Selbst der Ölpreis konnte seine anfänglichen Kurszuwächse nur zum Teil bewahren. Das mag auch damit zusammenhängen, dass der Preis mit knapp 100 Dollar für ein Fass der Sorte Brent schon jetzt so hoch ist wie zuletzt im Jahr 2014.

Die anfänglich milde Marktreaktion (Stand 22.2) mag auch damit zusammenhängen, dass die ersten Sanktionen nur auf den ersten Blick als hart erscheinen. So hat die amerikanische Regierung Investitionen, den Handel und die Finanzierung der beiden von Russland anerkannten Regionen untersagt. Der Umfang der Beziehungen zwischen diesen Regionen mit den USA dürfte recht gering sein, die Sanktionen daher nicht allzu schmerzen. Ähnlich sieht es mit den europäischen Strafmaßnahmen aus. Großbritannien hat drei Oligarchen sowie fünf russische Banken sanktioniert. Pikanterweise sind die beiden größten russischen Institute, Sberbank und VTB, davon aber nicht betroffen. Die stattdessen bestraften Banken sowie die angeprangerten Oligarchen standen überwiegend bereits unter US-Sanktionen, so dass sich für diese wenig ändern dürfte. Auch die EU-Kommission hat ein Maßnahmenbündel vorgeschlagen, das von den Mitgliedsstaaten noch abgesegnet werden muss. Zu den angedrohten Strafmaßnahmen zählen Sanktionen gegen 351 Abgeordnete des russischen Parlaments sowie gegen 11 Personen, die sich für die Anerkennung der beiden abtrünnigen Regionen ausgesprochen hatten. Hinzu kommt die Beschränkung des vermutlich geringen Handels zwischen der EU und den beiden Regionen. Drei kleinere Banken sind ebenfalls betroffen. Gewichtiger erscheint die Androhung, den Zugang des russischen Staates zum europäischen Finanzmarkt einzuschränken. Doch ähnliche Sanktionen gab es seitens der USA bereits in der Vergangenheit, ohne dass diese für Moskau ein Problem dargestellt hätten. Aus Deutschland kam darüber hinaus die Meldung aus dem Kanzleramt, dass die Inbetriebnahme der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 vorerst auf Eis gelegt wird.

Sofern die Spannungen weiter zunehmen und sich die Eskalationsspirale weiterdreht, könnten die Finanzmarktturbulenzen natürlich stärker ausfallen. Investmenthäuser wie Goldman Sachs und die Deutsche Bank können sich in diesem Fall Kursrückgänge am Aktienmarkt von nahezu 10 Prozent vorstellen. Doch die Erfahrung früherer geopolitischer Konflikte lehrt, dass diese Verluste in kurzer Zeit wieder aufgeholt werden.

Stimmungseintrübungen kann es natürlich nicht nur an den Finanzmärkten geben. Auch die Frühindikatoren könnten anzeigen, dass sich Unternehmen um die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts sorgen. Aber zuletzt konnten sich diese sogar weiter verbessern, getragen von der Erwartung, dass die pandemiebedingten Maßnahmen bald gelockert werden.

Eine Verschärfung des Konflikts könnte dazu führen, dass nicht nur der Handel mit den abtrünnigen Regionen, sondern mit Russland insgesamt eingeschränkt wird. Moskau ist zwar immer noch der fünftwichtigste Handelspartner der Europäischen Union. Doch mit einem Anteil der Exporte im Jahr 2020 von nur noch 4 Prozent der Gesamtausfuhr (bzw. weniger als 0,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts) hat die Bedeutung Russlands als Handelspartner der EU seit 2014 deutlich abgenommen. Wichtig ist Moskau vor allem noch als Energielieferant. Doch die EU dürfte wenig Interesse haben, diese Lieferungen zu unterbinden.

Sollte Russland von sich aus die Energielieferungen drosseln oder damit drohen, ist dennoch ein weiterer Preisschub zu befürchten. Ankündigungen wie diese Woche aus Italien und Frankreich zeigen jedoch, dass die Regierungen zunehmend gewillt sind, einen Teil dieser Last zu schultern und damit den Preisschock für Haushalte und Unternehmen zu mildern. Hinzu kommt, dass die Haushalte im Euroraum während der Pandemie substanzielle Ersparnisse von geschätzten 300 Mrd. Euro angehäuft haben. Diese Sparpolster sind vermutlich ungleich verteilt, könnten aber zum Teil helfen, den Preisschock abzufedern, ohne den Konsum einschränken zu müssen. Nicht zuletzt ist das baldige Ende des Winters absehbar.

Höhere Energiepreise belasten nicht nur den Geldbeutel der Haushalte, sondern dürften die Teuerung weiter anheizen. Für die Notenbanken, die auf ein Abflauen des Preisauftriebs gehofft hatten, ist dies eine unwillkommene Perspektive. Die Europäische Zentralbank wird dennoch das wirtschaftliche Risiko vermutlich höher einschätzen als die Gefahr dauerhaft hoher Inflation. An den Finanzmärkten wird daher auch nur noch mit einem Zinsschritt von 25 Basispunkten statt mit Zweien gerechnet, und dies wohl nicht bereits im Oktober, sondern erst im Dezember.

In Summe sollten sich die wirtschaftliche Belastung Europas also in Grenzen halten. Begründet ist dies insbesondere mit den milden Sanktionen. Schärfere Strafmaßnahmen sind zwar denkbar. Dazu zählen insbesondere Sanktionen gegen einen größeren Kreis kremlnaher Oligarchen, die weiterreichende Beschränkung des Zugangs zum europäischen Finanzmarkt für russische Öl- und Gasfirmen sowie Banken. Doch Russland hat die vergangenen Jahre seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 genutzt, um das Land gegen Sanktionen zu wappnen. Härtere Maßnahmen würden den Kreml daher kurzfristig nicht beeindrucken, aber vor allem Europa Schaden zufügen. Sie sind daher vorerst unwahrscheinlich. Das mag die Wirtschaft freuen. Gleichzeitig könnte der Kreml versucht sein, auch weiterhin zu sondieren, wie weit er gegenüber dem Westen gehen kann.